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Spezielle Fragen

Kombinationstherapie und Sex
Weil HIV den gesamten Hormonstoffwechsel im Körper stark beeinflusst, klagen viele unbehandelte HIV-positive Männer über Erektionsstörungen und über nachlassende sexuelle Lust (Libidoverlust) - dies selbst dann, wenn sie keine weiteren HIV-bedingten Symptome haben und auch sonst gesund sind. Bei einer Kombinationstherapie kann sich das wieder normalisieren. Bei einigen kommt es allerdings auch unter der Therapie zu sexuellen Problemen, so etwa dann, wenn sie sehr stark unter den Nebenwirkungen leiden.
Was Sex auch immer für den einzelnen Patienten bedeutet: Er muss sich darüber im Klaren sein, dass eine Kombitherapie ihn nicht HIV-negativ machen kann. Sie bewirkt nur, dass die Zahl der Viren in seinem Körper stark sinkt - im besten Fall unter die Nachweisgrenze. Je nach Medikamentenkombination und je nach genetischer Ausstattung eines Menschen kann die Viruslast im Sperma auch höher sein als im Blut, und bei Infektionen - auch solchen, die man gar nicht bemerkt - kann die Viruslast generell erhöht sein. So etwa dann, wenn man sich eine sexuell übertragbare Krankheit (z. B. Herpes, Tripper, Hepatitis) oder eine andere Infektion (z. B. Grippe) geholt hat. Und durch die Viruslast-Messung kann man nur feststellen, wie viel "freie" Viren im Blut sind. HIV befindet sich aber auch in infizierten Zellen, die ebenfalls übertragen werden können. Dieses Risiko bleibt auch dann bestehen, wenn die Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt.
Eine Kombinationstherapie kann die Infektiosität deutlich verringern, aber nicht beseitigen. Um HIV nicht an andere Menschen weiterzugeben, sollte man daher weiterhin beim Sex Kondome verwenden und beim Drogengebrauch Spritzbesteck und Zubehör mit niemandem teilen. Das verringert außerdem das Risiko einer Ansteckung mit anderen Krankheiten wie z. B. Hepatitis, Syphilis oder Tripper. Sexuell übertragbare Krankheiten belasten nicht nur das Immunsystem zusätzlich, sondern erhöhen auch die Gefahr, dass man andere beim Sex mit HIV ansteckt.

Ansteckung mit weiteren Virusstämmen (Mehrfachinfektion)
Inzwischen weiß man, dass sich Menschen mehrmals mit HIV infizieren können, d.h. unter Umständen auch mit Virusstämmen, die bereits gegen antiretrovirale Medikamente resistent sind - was fatale Folgen für die Wirksamkeit der Kombinationstherapien haben kann. Auch aus diesem Grund wird immer wieder diskutiert, ob sich HIV-Positive beim Sex mit anderen HIV-Positiven schützen sollten.
Mehrfachinfektionen haben sich bisher nur bei Personen feststellen lassen, bei denen die HIV-Infektion sehr früh diagnostiziert wurde, die innerhalb der ersten 90 Tage nach der Ansteckung in eine durch mehrere Therapiepausen unterbrochene HAART eingestiegen sind und sich (durch ungeschützten Sex oder gemeinsam benutztes Spritzbesteck beim Drogengebrauch) in den Therapiepausen mit weiteren HIV-Stämmen angesteckt haben - in einer Zeit also, in der sie keine Medikamente eingenommen haben. Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass dies auch unter erfolgreicher Therapie möglich ist. Ob Mehrfachinfektionen auch bei schon länger (= chronisch) Infizierten vorkommen, wird derzeit ebenso erforscht wie die Frage, wie häufig es überhaupt zu diesem Phänomen kommt.
Anzunehmen ist, dass bei zwei erfolgreich mit HIV-Medikamenten behandelten HIV-Positiven (Viruslast seit 12 Monaten unter der Nachweisgrenze), die ungeschützten Sex miteinander haben, das Risiko einer Mehrfachinfektion vernachlässigenswert gering ist. In allen anderen Fällen kann die Möglichkeit einer Mehrfachinfektion derzeit nicht ausgeschlossen werden. Mit Safer Sex und Safer Use lässt sich dieses Risiko vermeiden.

Kombinationstherapie bei Hepatitis-Koinfektion
Koinfektion bedeutet, dass man mit zwei (oder mehreren) verschiedenen Krankheitserregern infiziert ist, in diesem Fall mit HIV und Hepatitis-B- und/oder C-Virus. Hier die wichtigsten Informationen zur Behandlung:

Koinfektion mit Hepatitis-B-Virus (HBV)
Bei HIV-Positiven mit chronischer Hepatitis B sind die Erfolgsaussichten einer HBV-Therapie mit Interferon weniger günstig als bei HIV-Negativen. Medikamente aus der Substanzgruppe der Nukleosidanaloga sind daher wichtiger als Interferon: Das gegen Hepatitis B eingesetzte Zeffix enthält - wie das HIV-Medikament Epivir - die Wirksubstanz Lamivudin, allerdings in niedrigerer Dosierung. Hepsera (Adefovir) ist ein seit 2003 verfügbares Hepatitispräparat. Gegen Hepatitis B wirken außerdem die HIV-Medikamente Viread und Emtriva, die allerdings nicht für die Hepatitis-B-Behandlung zugelassen sind.
Die Auswahl des Medikaments, das gegen Hepatitis B eingesetzt wird, hängt davon ab, ob man eine Kombitherapie gegen HIV einnimmt:
Bei HBV-koinfizierten HIV-Positiven mit nur gering ausgeprägter Immunschwäche (d.h. eine antiretrovirale Therapie ist noch nicht erforderlich) ist eine Therapie gegen Hepatitis B mit Zeffix (Lamivudin) problematisch: Sie wäre zugleich eine Monotherapie gegen HIV und würde dazu führen, dass HIV schnell gegen die Wirksubstanz resistent wird: Epivir (Lamivudin) kann dann später nicht mehr in der HIV-Therapie verwendet werden. Aber auch das Hepatitis-B-Virus bildet Resistenzen gegen Lamivudin aus; nach vier Jahren Therapie ist das bei ca. 90 % der Menschen mit HIV der Fall. Besteht eine Resistenz, kann man die Hepatitis B dann mit Hepsera (Adefovir) behandeln. Hepsera ähnelt zwar dem HIV-Medikament Viread, es gibt jedoch noch keine Hinweise darauf, dass der Einsatz von Hepsera (gegen Hepatitis B) dazu führt, dass HIV gegen Viread resistent wird.
Bei HBV/HIV-Koinfizierten, die eine HIV-Therapie machen, wird HBV automatisch mitbehandelt, wenn die Kombitherapie Epivir oder ein anderes gegen HBV wirksames Medikament enthält. Wenn HBV oder HIV gegen Epivir resistent wird, sollte die Therapie durch die Gabe von Viread, Emtriva oder Hepsera ergänzt werden. Wird bei einer Umstellung der HIV-Kombitherapie vergessen, dass auch eine behandlungsbedürftige Hepatitis B vorliegt, kann es passieren, dass die neue Medikamentenkombination keine gegen Hepatitis B wirksame Substanz enthält. In solch einem Fall kann es zum Wiederaufflammen der chronischen Hepatitis B mit einer akuten Entzündungsreaktion kommen.

Koinfektion mit Hepatitis-C-Virus (HCV)
Bei HCV-koinfizierten HIV-Positiven wird zur Hepatitistherapie pegyliertes Interferon in Kombination mit Rebetol (Ribavirin) eingesetzt. Die Therapie ist nebenwirkungsreich (grippeähnliche Symptome, Depressionen) und dauert je nach Genotyp des Virus 6 Monate bis 1 Jahr. Wenn eine Hepatitis-C-Therapie angezeigt ist, sollte sie vor Beginn einer HIV-Therapie (also bei hoher Helferzellzahl) durchgeführt werden: Dann sind nicht nur die Erfolgsaussichten größer, sondern man vermeidet auch, sich gleichzeitig zwei antiviralen Behandlungen mit möglicherweise schweren Neben- und Wechselwirkungen zu unterziehen.
Mit welcher Therapie zuerst begonnen werden soll, ist aber letztlich davon abhängig zu machen, welche der beiden Infektionen dringender behandelt werden muss, und das kann - je nach Gesundheitszustand - auch die HIV-Infektion sein. Wichtig ist in jedem Fall, dass bei einer Koinfektion beide Therapien gut geplant und sorgfältig aufeinander abgestimmt werden.

Die Kombinationstherapie unterbrechen
Derzeit wird in Studien untersucht, ob es Vorteile hat, wenn die hoch aktive antiretrovirale Therapie (HAART) für bestimmte Zeit unterbrochen wird. In der Wissenschaft wird hierfür oft das Kürzel "STI" verwendet, das für "structured treatment interruption", also "strukturierte Therapieunterbrechung" steht. Manche Fachleute sprechen auch von "strategischer" oder "supervidierter" (= überwachter oder beaufsichtigter) Therapiepause. Die bisher durchgeführten Studien lassen sich aber nur schwer vergleichen: Die untersuchten Patientengruppen unterscheiden sich zum Teil erheblich, an den meisten Studien nahmen nur sehr wenige Menschen teil, und fast jede Forschergruppe wandte eine andere Strategie an, z. B. unterschiedlich lange STI, ein- oder mehrmalige, regelmäßige ("intermittierende") oder unregelmäßige STI. Hinzu kommt, dass viele Studien nicht den üblichen wissenschaftlichen Standards entsprechen. Aus den bisherigen Ergebnissen können daher keine vernünftigen Schlussfolgerungen für den Behandlungsalltag gezogen werden; die Therapiepause ist noch ein sehr strittiges Thema.
Die Gründe für eine STI und die mit ihr verbundenen Ziele können je nach Situation des/der HIV-Positiven anders sein; entsprechend unterschiedlich sind auch die Therapiepausen selbst:

Therapieunterbrechung bei seit kurzem bestehender HIV-Infektion
Bei Menschen, die "frisch", das heißt weniger als 60 Tage mit HIV infiziert sind (= akute HIV-Infektion), beginnt man sofort mit einer ein- oder eineinhalbjährigen Therapie und setzt danach die Medikamente ab. Wenn erforderlich, nimmt man die Behandlung wieder auf, um sie gegebenenfalls erneut (ein- oder mehrmalig) zu unterbrechen. Das Ziel ist, die HIV-spezifische Immunantwort so weit zu erhalten, dass der Körper auch ohne antiretrovirale Medikamente in der Lage ist, die HIV-Vermehrung langfristig zu unterdrücken und so das Fortschreiten der Krankheit zu unterbinden. Entsprechende Studien haben jedoch gezeigt, dass nur bei weniger als einem Fünftel der HIV-Positiven die Unterdrückung der HIV-Vermehrung gelingt, und dies auch nur für kurze Zeit. Aus diesen Gründen wird heute von dieser Form der Frühtherapie wieder Abstand genommen. Erforscht wird derzeit, ob eine Frühtherapie ohne Pausen langfristig einen größeren Nutzen bringt, als mit dem Therapiebeginn abzuwarten.


Therapieunterbrechung bei länger bestehender HIV-Infektion
Bei Menschen, die bereits seit einigen Jahren HIV-infiziert sind und schon längere Zeit antiretrovirale Medikamente nehmen (= chronische HIV-Infektion), wird zurzeit untersucht, ob sich Langzeitnebenwirkungen wie z. B. Lipodystrophie durch Therapieunterbrechungen verhindern oder hinauszögern lassen bzw. ob sie sich sogar wieder zurückbilden. (Nebeneffekt dabei wäre, dass die Therapie kostengünstiger würde.) Allerdings zeigt sich immer häufiger, dass es zu Beginn der Therapiepausen und beim erneuten Ansetzen der Medikamente zu Resistenzen kommt - dies umso eher, je mehr Therapiepausen eingelegt werden und wenn bereits Resistenzen vorliegen. In verschiedenen Studien hat man bzw. werden folgende Strategien erprobt:
"Gepulste" oder "zyklische" Therapie
Von dieser Strategie gibt es zwei Varianten: a) zwei Monate Therapie, zwei Monate Therapiepause, wieder zwei Monate Therapie usw., b) eine Woche Therapie, eine Woche Therapiepause, wieder eine Woche Therapie usw. Beide Varianten haben sich nicht bewährt und sind wegen Resistenzbildung sogar gefährlich.
Von der Helferzellzahl abhängige Therapiepausen
Man beginnt mit der HAART bei etwa 300 Helferzellen/µl, führt sie so lange fort, bis die Viruslast mehr als sechs Monate nicht mehr nachweisbar ist und die Helferzellzahl stabil über einem bestimmten Wert liegt (z. B. über 600 Helferzellen), setzt sie dann ab und nimmt sie erst wieder auf, wenn die Helferzellzahl wieder bei 300/µl liegt usw. Dieser Ansatz wurde bisher aber nur bei Menschen erprobt, die vor Jahren mit 500 oder mehr Helferzellen/µl eine Therapie begonnen haben - aus heutiger Sicht also sehr früh, wenn nicht gar zu früh. Zu nicht vortherapierten Patienten liegen noch keine Erkenntnisse vor, die Strategie ist also noch experimentell.
Therapiepause vor einer "Salvage-Therapie"
Auf diese Variante der Therapieunterbrechung ist man per Zufall gekommen: Bei intensiv vorbehandelten Patient(inn)en, bei denen wegen Resistenzen (fast) keines der verfügbaren Medikamente mehr eingesetzt werden konnte, wurde vor Beginn einer "Salvage-Therapie" (salvage [engl.] = Rettung; bei einer solchen Therapie werden häufig Kombinationen aus mehr als sechs Medikamenten eingesetzt) eine medikamentenfreie Phase eingeschoben, damit sie sich etwas erholen können. Dabei hat man beobachtet, dass bei manchen Patient(inn)en nach ein paar Wochen die resistenten Viren plötzlich nicht mehr nachweisbar waren. Heute weiß man, dass sie im Körper doch noch vorhanden sind, die "Salvage-Therapie" aber manchmal trotzdem besser wirkt, wenn vorher eine Medikamentenpause eingeschoben wird. Dies kann aber recht gefährlich sein, da diese Patient(inn)en häufig sehr krank sind und nur noch wenig Helferzellen haben. In der Therapiepause sinken die Helferzellzahlen noch weiter ab, und in den Studien ist es zu opportunistischen Infektionen und zu Todesfällen gekommen. Man weiß außerdem noch nicht, weshalb nur manche Menschen von einer solchen Therapiepause profitieren, andere hingegen nicht, und wie lange die Pause dauern muss. All das macht es unmöglich, im Vorhinein die Risiken gegen den Nutzen abzuwägen. Auch hier lässt sich daher nur feststellen: in hohem Maße experimentell.

Was muss man bei Therapiepausen unbedingt beachten?
Weil das Nutzen-Schaden-Verhältnis von Therapiepausen sehr schwer einschätzbar ist, sind sie derzeit eigentlich nur in kontrollierten Studien oder bei sehr engmaschiger ärztlicher Betreuung vertretbar: So lassen sich die mit ihnen verbundenen Risiken zumindest überwachen. HIV-Positive indes kümmern sich nur begrenzt um den Stand der wissenschaftlichen Debatte zu Therapiepausen: Sie machen sie einfach. Viele sind es nach einiger Zeit leid, regelmäßig eine große Zahl von Medikamenten zu schlucken oder die Nebenwirkungen zu ertragen, oder sie haben Angst, dass irgendwann Nebenwirkungen - insbesondere die Lipodystrophie oder Leberschäden - auftreten. Fragt man z. B. auf Positiventreffen oder in Selbsthilfegruppen nach, gibt etwa die Hälfte der HIV-Positiven an, schon einmal pausiert zu haben oder dies gerade zu tun. Von diesen wiederum berichten nur etwa 60 Prozent, dass sie die Therapiepause vorher mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin besprochen haben.
Therapiepausen ohne Absprache mit dem Arzt sind allerdings riskant: Bei schlechtem Immunstatus läuft man Gefahr, lebensbedrohliche Infektionen zu bekommen; je nach eingenommenen Medikamenten und je nach Therapiepause (besonders gefährlich sind die weit verbreiteten spontanen und unkontrollierten Wochenendpausen!) fördert man möglicherweise die Resistenzentwicklung - was eine Folgetherapie erschwert oder gar unmöglich macht. Außerdem könnte der Arzt, wenn er über eine Therapiepause nicht informiert wird, bei gestiegener Viruslast und gesunkener Helferzellzahl auf den Gedanken kommen, dass sich Resistenzen gegen die bisherigen Medikamente gebildet haben, und auf andere Mittel umstellen, deren Nebenwirkungen (wenn man dann irgendwann doch wieder in die Therapie einsteigt) noch viel problematischer sein können als diejenigen der vorher eingenommenen.
Kombinationen von Medikamenten mit sehr unterschiedlichen Halbwertzeiten erfordern bei Therapiepausen eine besondere Form des Absetzens, um die Gefahr der Resistenzbildung zu vermindern. Manche HIV-Ärzte ersetzen NNRTI-haltige Kombinationen etwa vier Wochen vor einer geplanten Pause durch PI-haltige, andere setzen den NNRTI etwa eine Woche vor den anderen Medikamenten ab.
Wer die Medikamente nicht mehr verträgt oder aus anderen Gründen nicht mehr nehmen will, sollte sich mit seinem Arzt absprechen. Allerdings werden sich nicht alle Probleme mit der Therapie lösen lassen

Vor einer Therapiepause
An dieser Stelle drei Fragen, die vor dem Antritt einer Therapiepause auf jeden Fall beantwortet sein wollen:
Warum Therapiepause?
Kommt der Patient mit den Nebenwirkungen, z. B. Durchfall und Übelkeit, nicht klar oder hat er Angst vor Langzeitnebenwirkungen wie etwa Lipodystrophie? Ist er einfach nur "pillenmüde" und braucht mal eine Auszeit? Je nach Antwort wird sich etwas anderes empfehlen.
Bereiten die Nebenwirkungen Probleme, ist zu überlegen, ob das "Nebenwirkungsmanagement" stimmt. Eine Polyneuropathie beispielsweise wird durch starken Alkohol- und Nikotinkonsum verstärkt. Das Gleiche gilt für erhöhte Blutfettwerte, die man durch ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel noch weiter nach oben treiben kann. Weniger zu rauchen und weniger Alkohol zu trinken, auf ausgewogenere Ernährung zu wechseln und sich mehr zu bewegen bringt mehr, als eine Pillenpause einzuschieben, die außer zusätzlichen Risiken wenig bis nichts bringen wird. Bei ernsten Leberproblemen z. B. kann es allerdings sehr wohl sinnvoll sein, die Medikamenteneinnahme zu unterbrechen, um die Leber zu entlasten und ihr Zeit zu geben, sich wieder zu erholen. In diesem Fall wird aber der Arzt von sich aus das Thema Therapiepause anschneiden.
Ob bei Nebenwirkungen eine Therapiepause sinnvoll ist, hängt also letztlich davon ab, um welche Nebenwirkungen es sich genau handelt. Wer nach zehn Jahren antiretroviraler Therapie eine deutliche Lipodystrophie hat, darf nicht erwarten, dass sie sich schon nach einer sechswöchigen oder sechsmonatigen Therapiepause wieder zurückbildet - schließlich hat sie sich ja auch im Laufe mehrerer Jahre entwickelt. Man weiß nicht einmal, ob sie sich überhaupt zurückbildet. Auch bei Durchfall sollte man nicht auf Wunder hoffen: Bei einer Therapiepause wird er vielleicht nur für bestimmte Zeit verschwinden. Steigt die Viruslast wieder an, kann es - auch ohne Therapie - erneut zu Durchfällen kommen. Je stärker sich das Virus im Darm vermehrt, desto weniger ist dieser in der Lage, die Flüssigkeit aus dem Stuhlgang herauszuziehen. Und hat man Probleme mit den Einnahmezeiten und Ernährungsvorschriften, wird das Ganze nach einer Pause eher noch schwieriger - so die Erfahrung vieler Menschen mit HIV. Ein Therapiewechsel ist hier in jedem Fall sinnvoller als eine Pillenpause.
Wie waren die Werte vor Therapiebeginn, wie sind sie jetzt?
Je weniger Helferzellen ein Patient vor Therapiebeginn hatte, desto riskanter ist eine Therapiepause. Ein Beispiel: Wer vor sieben Jahren mit 700 Helferzellen und frei von jeglichen HIV-bedingten Symptomen in die Therapie eingestiegen ist - Voraussetzungen, unter denen heute kein Arzt antiretroviral behandeln würde -, kann sie getrost absetzen und warten, was passiert. Macht man hingegen bei weniger als 200 Helferzellen eine Therapiepause, wird ihre Zahl rasant absinken, und man läuft Gefahr, an einer opportunistischen Infektion zu erkranken. Da kann es lebenswichtig sein, häufiger als alle drei Monate zum Arzt zu gehen, um den Immunstatus bestimmen und sich auf Anzeichen einer opportunistischen Infektion untersuchen zu lassen.
Welche Medikamente nehme ich ein?
Wie riskant Therapiepausen sind, hängt auch von der jeweiligen Medikamentenkombination ab. Wer öfter eine Pause machen will, sollte sich Medikamente verschreiben lassen, die pharmakologisch unproblematisch sind, um es nicht zu Resistenzen kommen zu lassen. Unter Umständen empfiehlt es sich sogar, einige Zeit vor der geplanten Therapiepause auf eine andere Kombination umzusteigen, bei der weniger Probleme dieser Art zu erwarten sind.
Gegen manche Medikamente (z.B. Sustiva und Viramune) wird HIV schneller resistent als gegen andere. Wird ein Medikament z.B. schon bei einer einzigen Mutation wirkungslos, ist seine "genetische Barriere" gegen HIV sehr niedrig. Ein solches Medikament ist sehr viel gefährlicher als eines mit hoher genetischer Barriere, das erst nach vielen Mutationen unwirksam wird.
Manche Medikamente (z.B. Zerit und Videx) werden vom Körper schneller abgebaut und ausgeschieden als andere, das heißt, sie haben eine kürzere Halbwertzeit . Solche Medikamente sind günstiger für eine Therapiepause: Wenn ein Medikament nicht mehr eingenommen wird, sinkt die Wirkstoffkonzentration im Blut unter die minimal erforderliche Grenze. Je schneller von hier ab die Konzentration gegen Null sinkt, desto kürzer ist die Zeit, in der sich Resistenzen bilden können: HIV kann gegen die antiretroviralen Medikamente ja nur dann unempfindlich werden, wenn im Blut auch welche vorhanden sind.
Besonders gefährlich sind Medikamente, die eine niedrige genetische Barriere und zugleich eine lange Halbwertzeit haben, wie etwa Sustiva und Viramune. Kombiniert man z.B. Sustiva mit zwei Medikamenten, deren Halbwertzeit kürzer ist (Zerit + Videx), und setzt man irgendwann alle drei Medikamente gleichzeitig ab, werden die Wirkstoffspiegel von Zerit und Videx schneller sinken als die von Sustiva. Nach einer gewissen Zeit ist für die Dauer von mehreren Tagen dann nur noch Sustiva im Blut - und man ist bei einer Monotherapie angelangt, noch dazu mit einem Medikament, gegen das HIV sehr schnell resistent wird. Nimmt man dagegen eine Kombination aus drei Medikamenten mit etwa gleicher Halbwertzeit (beispielsweise Videx + Zerit + Crixivan/Norvir oder Retrovir + Epivir + Ziagen), sinken bei deren Absetzen die Wirkstoffspiegel gleichmäßiger ab. Handelt es sich dabei zugleich um Medikamente mit einer mittleren bis hohen genetischen Barriere, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Therapiepause Resistenzen entwickeln, eher gering.
Wie macht man nach einer Therapiepause weiter?
Hat man die Medikamente wegen der Nebenwirkungen und nicht wegen eines Wirkungsverlusts oder Therapieversagens abgesetzt, kann man nach der Therapiepause mit derselben Medikamentenkombination weitermachen - vorausgesetzt, es haben sich inzwischen keine Resistenzen entwickelt. Dies lässt sich mit einem Resistenztest überprüfen. In diesem Fall wird die Medikamentenkombination nach der Pause genauso gut - oder schlecht - wirken wie vorher. Haben sich hingegen Resistenzen entwickelt, wird der Arzt zu einem Wechsel der Kombination raten.
Kombitherapie und Urlaub
Wer seinen Urlaub in einem anderen Land verbringen will, muss sich überlegen, ob er seine Therapie dort weiterführt oder unterbricht. Dabei spielen z.B. folgende Aspekte eine Rolle:
Besteht dort ein Einreiseverbot für Menschen mit HIV und Aids? Das ist bei recht vielen Ländern der Fall, z.B. den USA, was die meisten HIV-Positiven aber nicht weiter kümmert: Es ist ihnen ja nicht anzusehen, dass sie das Virus haben. Und damit sie sich beim Zoll nicht durch ihre mitgeführten HIV-Medikamente "verraten", verpacken sie diese einfach neutral, z.B. in eine Vitaminpillendose. Allerdings sind die Medikamente mit Kurzbezeichnungen oder Nummern gekennzeichnet und damit - bei gezielter Suche - identifizierbar.
Kann man sich die Medikamente am Urlaubsziel besorgen? In den USA beispielsweise kommt man nur schwer an Medikamente, weil Rezepte, die in anderen Ländern ausgestellt wurden, dort nicht anerkannt werden. Und wenn die Ärztin oder der Arzt einen amerikanischen Kollegen kennt, bekommt man zwar problemlos ein USA-taugliches Rezept, muss aber die Medikamente aus der eigenen Tasche bezahlen.
Findet man im Bedarfsfall einen Arzt, der sich mit der Behandlung der HIV-Infektion auskennt?
Welches Klima herrscht am Urlaubsort? Die Medikamente können hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit nicht lange überstehen. Viele HIV-Positive setzen deshalb vor dem Urlaub ihre Medikamente ab. Aber auch hier gilt es zu überlegen, welche Medikamente man nimmt, wie die Blutwerte vor Therapiebeginn waren und wie sie jetzt aussehen.
Wie verhält es sich dort mit der Ortszeit? Ist sie anders als zu Hause, wird empfohlen, die täglichen Einnahmezeiten um höchstens zwei Stunden zu verschieben, und zwar am besten nach vorne (z.B. nach 8 statt nach 12 Stunden). Verschiebt man sie um mehr Stunden, z.B. um drei oder vier, läuft man Gefahr, sich stärkere Nebenwirkungen als sonst einzuhandeln. Bei einer Verschiebung nach hinten (z.B. nach 14 statt nach 12 Stunden) riskiert man, dass die Wirkstoffkonzentration im Blut zu stark absinkt. Wenn man am Urlaubsziel feststellt, dass man eins von drei Medikamenten zu Hause vergessen hat, dann sollte man lieber alle Medikamente absetzen, statt mit einer "Zweierkombi" fortzufahren. .


   
       
Hildegard      
     
  © Zürcher Aids-Hilfe 2004. Quelle: Aids-Hilfe Schweiz